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Neues aus dem Rathaus

Gedenkfeier am Totensonntag, den 26. November 2017

Auch am diesjährigen Totensonntag versammelten sich zahlreiche Altbacher Bürgerinnen und Bürger zur Gedenkfeier auf dem Friedhof, die durch den Musikverein und den Sängerkranz musikalisch untermalt wurde.

Bürgermeister Benignus bedankte sich im Namen der Gemeinde bei den zahlreich erschienenen Bürgerinnen und Bürgern für ihr Kommen, um den unzähligen Männern, Frauen und Kindern, die Opfer von Gewalt, Krieg und Vertreibung der beiden Weltkriege wurden, zu gedenken.
Er führte aus:
„Unsere Gedenktafeln sind als Mahnmal zu verstehen. Sie sollen die Erinnerung daran wachhalten, dass der Friede kostbar ist und einer dauerhaften und beständigen Pflege bedarf.“
 
Die Notwendigkeit des Erinnerns hat auch Erich Kästner betont, als er im Vorwort zu seinem 1945 entstandenen Tagebuch „Notabene 45“ schrieb:
„Die Vergangenheit muss reden und wir müssen zuhören. Vorher werden wir und sie keine Ruhe finden“.
Gedenken und Erinnern, um aus der Vergangenheit die richtigen Lehren für eine friedvolle Zukunft zu ziehen, ist unsere menschliche Verpflichtung. Der Totensonntag und der Volkstrauertag am letzten Sonntag sind mehr als Rituale oder gar überflüssige Alibi-Veranstaltungen, wie manche zu glauben scheinen. Diese Gedenktage sind auch keine Veranstaltungen nur für die ältere Generation.
Viele von den hier versammelten Bürgerinnen und Bürgern haben den 2. Weltkrieg oder die Auswirkungen in der Nachkriegszeit selbst miterlebt oder am eigenen Leibe verspürt. Wie aber schaffen wir es, die junge Generation für dieses Thema „Friede und Freiheit“ zu sensibilisieren.
Ohne Frieden gibt es keine Freiheit und ohne Freiheit gibt es auch keinen Frieden – beide Dinge bedingen sich gegenseitig.
Viele junge Menschen haben, Gott sei Dank, keinen Krieg im eigenen Land miterleben müssen. Da kann sich schnell die Meinung breitmachen: „Mich geht das alles nichts an. Ich habe den Krieg und all die Gräueltaten weder miterlebt noch mit verschuldet“.
Aber auch die Jüngeren geht unsere Geschichte etwas an. Bundespräsident Richard von Weizäcker formulierte dies 1985 in seiner Rede zum 8. Mai, damals wie folgt:
„Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind dafür verantwortlich für das, was die Geschichte daraus macht.“
Bürgermeister Benignus betonte, dass die Welt nicht sicherer geworden sei, auch wenn bei uns in Deutschland der 2. Weltkrieg seit über 70 Jahren vorbei sei.
Gegenwärtig gebe es 19 Kriege und etwa 400 Konflikte weltweit, von denen 20 gewaltsam ausgetragen werden. 60 Mio. Menschen sollen sich auf der Flucht befinden. Rund um den Globus instabile politische Lagen, Hunger, Armut, schwindende Rohstoffe, Wasserknappheit, dies alles ist uns bekannt und wird leider mehr oder weniger hingenommen, obwohl in diesen Themen die latente Gefahr schlummert, dass sich hieraus Kriegsgefahren entwickeln.
Bürgermeister Benignus veranschaulichte dies am Beispiel USA und Nordkorea und meinte:
„Mir macht es Angst, wenn der amerikanische Präsident Trump in der UN-Vollversammlung erst im September diesen Jahres mit massivem Einsatz des US-Militärs droht und erklärt, die USA würden das asiatische Land – gemeint war Nordkorea – völlig zerstören, wenn die USA dazu gezwungen würde. Noch mehr Angst macht mir aber, dass der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Un weiterhin Atomwaffentests durchführt und Raketen über Japan hinweg schießt und den Menschen dort Angst und Schrecken einjagt. An diesem Beispiel zweier offenbar unberechenbarer Staatslenker können wir nur hoffen, dass niemand die Nerven verliert und uns die Welt um die Ohren fliegt.“
Es gehe aber nicht nur um tatsächliche, um direkte Gewalt.
Unfriede in unserer Welt entstehe auch bereits im täglichen Sprachgebrauch, der andere herabsetze, wenn wir Freiheit oder Gesundheit des anderen nicht mehr achten, wenn wir anders Denkende ablehnen oder Fremden feindselig begegnen. Wenn wir andere Personen achten und mit Respekt begegnen, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Religion oder politischer Auffassung, dann tragen alle etwas zum Frieden in unserem unmittelbaren Umfeld bei.
In diesem Sinne sprach Herr Benignus danach im Namen aller Anwesenden das Totengedenken.

Anschließend stimmte der Sängerkranz Altbach die Bürgerinnen und Bürger mit dem Liedbeitrag „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ auf die Ansprache von Pfarrer Weiß ein.
 
Pfarrer Weiß mahnte in seiner Ansprache „es gibt keinen gerechten Krieg und Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, die Kirchen  haben lange gebraucht, um sich zu diesen Standpunkten durchzuringen.“ Er betonte, dass der Schrecken des Zweiten Weltkriegs vielen Christinnen und Christen zur Einsicht geführt habe. „Krieg kein Mittel sein kann, in keinem Fall“, so Pfarrer Weiß.
 
Er erinnerte an die Demonstrierenden im Herbst 1989„Keine Gewalt!“ — dieser Ruf sei immer wieder – mal leise, mal laut – zu hören gewesen. „Ein Appell an die Männer der Kampfgruppe und an die Soldaten der NVA, an die Mitglieder der Volkspolizei ebenso wie an die wütenden und empörten Demonstrierenden“, für Pfarrer Weiß ist es offenkundig, dass dies der wichtigste Impuls dieser Tage für beide Seiten war.
 
Er gedachte den Worten Christian Führers, der bis 2008 Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig war: „Keine Gewalt – lasst es nicht zu Gewalt kommen!  Mit diesen Worten im Herzen zogen wir aus der Kirche hinaus ins spärlich erleuchtete herbstliche Leipzig…
Wir haben diese Worte gebetet, geflüstert, gesagt, gerufen ...Sie haben sich in meiner Seele eingebrannt und stehen heute noch als Extrakt des Evangeliums vor mir.“
Für Pfarrer Weiß ist offenkundig, dass Krieg die extremste Form der Gewalt sei. Er verdeutlichte dies mit folgenden Worten: „Krieg frisst die Völker, die Seelen, die Leiber und die Träume. Krieg zerstört und traumatisiert, und immer geht es um Machtinteressen und letztlich um Geld – Krieg wird um Geld geführt. Die Folgen Zerstörung, traumatisierte Überlebende und unzählige Tote.“
 
Im Evangelium für den Volkstrauertag „Vom ehrlichen Verwalter“ verwies Pfarrer  Weiß auf einen Gegenentwurf dazu. „Ein  schwieriges Gleichnis,“ auf das er an dieser Stelle nicht erschöpfend erläutern könne. Nur auf das Fazit „Der Herr lobte den ungerechten Verwalter“ wolle er eingehen, da der Verwalter, wenn auch moralisch bedenklich,  etwas Richtiges „die Schulden erlassen“ getan habe.
 
Schon aus der biblischen Überlieferung, besonders im Alten Testament, erkenne man die sozialen Spannungen der Menschen in Palästina, die in Schuldknechtschaft  gerieten. „Dies könne man auch heute noch in abgewandelten Formen sehen“, erörterte Pfarrer Weiß.
 
Auch erinnere er an den Schuldenerlass im 3. Buch Mose.
Alle 49 Jahre stelle es den alten Frieden wieder her. Im Erlassjahr solle erfahren werden, was zuletzt wahr werden wird: „Schwerter zu Pflugscharen und ein eigener Weinstock für jede und einen Feigenbaum für jeden, unter dem sie in Frieden sitzen dürfen
Frieden ist mehr als das Schweigen der Waffen. Frieden ist, wenn Gerechtigkeit ist. Gerechtigkeit, das Gegenprogramm zur Geldgier.“
Anschließend erinnerte Pfarrer Weiß an Thomas Müntzer, welcher im Zuge des Reformationsjubiläums dieses „ohnmächtig werden“ als „christusförmig werden“ beschrieben habe. Müntzer war kein  Befürworter von Gewalt. Er war einer, der sich zu den Machtlosen stellte.
 
Zum Abschluss gab uns Pfarrer Weiß nachfolgende Wort mit auf den Weg: „Keine Gewalt!“ Die gute Botschaft von der Ohnmacht, die große Freiheit des Verzichts, das stille Lied von der Beschränkung und dem Zug in die Freiheit — diese Träume müssen wir am Leben erhalten. Es gibt eine Alternative zur Gier nach Geld und all ihren schrecklichen Folgen. Schweigen wir nicht.“
Nach dem darauf folgenden Lied des Sängerkranzes „Sei behütet auf deinen Wegen“ sprach Frau Siegel, Gemeindereferentin der Seelsorgeeinheit Neckar-Fils, ein Gebet.
An den Gedenktafeln für die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege legten Bürgermeister Benignus, Pfarrer Weiß und Frau Siegel gemeinsam mit dem Vertreter des VdK in Altbach, Herrn Simmler, einen Kranz nieder.

Begleitet wurden sie von den Klängen des Musikvereins, die „Ich hatt‘ einen Kameraden“ spielten.

Zum Abschied dankte Bürgermeister Benignus den mitwirkenden
Vereinen, der Kirche sowie den anwesenden Bürgerinnen und Bürgern für das Erscheinen, mit dem gemeinsam ein Zeichen gegen Gewalt und Terror und für eine friedliche Zukunft gesetzt wurde und bedankte sich für die großzügigen Spenden für die Arbeit des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge.

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